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Birgit Brenner
Selbst Schuld.
Galerie EIGEN + ART Berlin
13. März – 19. April, 2014
Eröffnung: 13. März, 2014, 17-21 Uhr


zu den Arbeiten von Birgit Brenner

Das sollte eigentlich eine Geschichte über ausgeschlagene Schneidezähne werden. Die liegen jetzt irgendwo in einer Schachtel. Zwischen all den Sachen, über die sie schon lange den Überblick verloren hat. Stapel, bis an die Decke, so hoch. Gute Verstecke für das Ungeziefer, mit dem sie sich mittlerweile verbundener als mit den Menschen da draußen fühlt. Im Dreck leben. Schäm dich.

Hätte sie Geld, hätte sie Zähne. Hätte sie Zähne, hätte sie einen Job. Hätte sie einen Job, hätte sie Geld. Der Kreislauf nimmt kein Ende. Geld und Zähne hängen unglücklich zusammen. Mit Zähnen wäre sie nicht dick geworden. Müsste sie hier nicht liegen. Hätte Freunde und könnte draußen sein. Keine Zähne. Schäm dich.

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Der Dreck verwandelte sich schneller als gedacht zum Schutzraum. Mit jedem Kilo Körpergewicht wuchs auch das Gewicht der Wohnung. Als ob sie miteinander verwachsen sind. Jetzt kommt sie vor lauter Übergewicht kaum mehr aus dem Bett, die Schlaftabletten erledigen den Rest und beschleunigen den Zustand des Dämmerns.

Hinüber gleiten in eine andere Dimension.

Der Dreck muss weg. Es reicht. Sie rafft sich auf, putzt, sortiert aus, wirft weg. Der Schweiß läuft seitlich aus den Speckfalten an Bauch und Schenkeln, hilft beim abnehmen. Der Hals wird länger, die Hüftknochen treten wieder in Erscheinung. Ein hübsches Gesicht mit Zähnen kommt zum Vorschein. Vom Dorf geht es direkt auf den Laufsteg. Nicht zu weit weg. Aber immerhin. Sie teilt sich das Zimmer mit einem anderen hübschen Mädchen, mit dem sie sich gut versteht. Schäm dich.

Von Fotos auf Magazinseiten in fremde Betten. In einem der Betten wird ihr ein Schlag ins Gesicht verpasst. Mit der Faust. Mitten rein. Selbst Schuld. Sie hatte immer Schuld und nie die anderen. Das hat sie von klein auf gelernt. Dann. Vom Laufsteg zurück ins Dorf. Schäm dich.

Vom Bett in den Dreck. Der Dreck verwandelte sich noch schneller als gedacht zum Schutzraum. Ist Schutzraum. Nicht mal die Tür geht mehr auf. Alles nach draußen verbannt. Die Schlafmittel wirken nicht mehr. Der Kopf wird klar. Mittlerweile dämmert es draußen schon. Es könnten aber auch die speckigen Fenster sein. Hauptsache keiner sieht sie. Nicht hinaus und nicht hinein schauen können. Sie braucht all die Sachen, irgendwann. Ganz bestimmt. Das ist alles meins, das kann mir keiner nehmen. Keiner.

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Letzter Tag. Es klingelt. Sie muss ausziehen. Vielleicht vorher Duschen. Vielleicht anziehen. Oder sogar schminken. Vielleicht noch einmal kämpfen. Gegen den Müll. Gegen die Vergangenheit und all das Zeug, dass sie betäubt. Oder besser. Sterben. Am besten jetzt sofort, vor der Räumung. Nur nicht diese Blicke sehen. Und wohin? Was ist nur aus dir geworden! Schäm dich. Mittlerweile lautes Hämmern gegen die Tür.

Zusammen kauernd, die Hände auf dem Kopf, das Gesicht auf den Knien, wie die empfohlene Haltung bei einem Flugzeugabsturz, so sitzt sie da. Hoffend, dass sie sich nicht zu gut schützt, da sie den Absturz nicht überleben will.

Selbst Schuld.
Birgit Brenner

 


Birgit Brenner (geboren 1964) studierte bei Rebecca Horn an der Hochschule der Künste, Berlin und machte dort 1996 ihren Meisterschülerabschluss. Seit 2007 lehrt sie als Professorin an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart im Fachbereich Bildende Kunst, Fotografie, Zeichnungen, Neue Medien.
Birgit Brenner hat an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland teilgenommen, zuletzt war sie in der Kunsthalle Tübingen mit einer großen Einzelausstellung zu sehen. Weitere Einzelausstellungen u.a. Kunstsammlung Jena, Dortmunder Kunstverein, Kunstverein Paderborn.

Birgit Brenner setzt sich in ihren Arbeiten gesellschaftskritisch mit Auswirkungen des sozialen Abstiegs, mit Einsamkeit und der Angst vor dem Alter auseinander. Anhand alltäglicher Situationen thematisiert die Künstlerin in Szenen zwischen Paaren oder inneren Dialogen der Protagonisten allzu vertraute gesellschaftliche Ängste. Ihre raumgreifenden Installationen inszeniert sie aus Fotografien, Pappe, Holz und Texten. Wobei sich Text und Bild nicht illustrieren, sondern wechselseitig die gewollte Aussage erweitern.

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