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Despina Stokou
GHOSTING
Ausstellung: 7. November - 19. Dezember 2015

Eröffnung: 7. Novmber 2015, 18 - 21 Uhr

Ghosting 1

Die erste Einzelausstellung von Despina Stokou in den Räumen der Galerie EIGEN + ART Leipzig trägt den Titel Ghosting. Die gezeigten Werke knüpfen an frühere Arbeiten der Künstlerin an, in denen sie Text, Malerei und Collage verbindet. Ihre Arbeiten werden oft installativ präsentiert, was den objekthaften Charakter und die Dynamik der Leinwände noch verstärkt. Beschäftigt die Künstlerin sich inhaltlich schon seit längerer Zeit mit dem Phänomen des World Wide Web und der Verarbeitung von Informationen, die darin gespeichert und in Umlauf gebracht werden, behandeln ihre neuen Arbeiten vor allem die universale Zeichensprache und die Symbolik von Emojis, von bildhaften Zeichen, die in der digitalen Kommunikation vor allem zur Anwendung kommen. In der Serie Feminism (light) etwa wurden rote Tänzerinnen in sich wiederholender Symbolik auf die Leinwand appliziert, in der Serie Machismo (light) dominieren Reihen von Kakteen die Leinwand. Die vier Werke der Serie Emoji Poem beschäftigen sich mit Gedichten aus dem Internet, wohingegen die Werke aus der Serie Recently Used als bildhafte Porträts einzelner Personen zu verstehen sind. 

Ghosting 2 

Allen ihren Werken ist gemein, dass sie Formen von digitaler Kommunikation und den Umgang mit Text im Internet behandeln, diese werden von ihr analog auf die Leinwand übersetzt. Die Künstlerin trifft und erspürt damit einmal mehr die Phänomene vom Umgang mit Sprache und digitalen Medien in der heutigen Zeit. Dass Sie dabei dem klassischen Medium der Malerei verhaftet bleibt, unterstützt das Spannungsvolle ihrer Auseinandersetzung:
„Wie das Internet gleichsam die Kommunikation, die Schrift und das Schreiben durch soziale Netzwerke und Kurznachrichtendienste wie Twitter, SMS oder WhatsApp verändert hat, thematisiert Despina Stokou in ihren jüngsten Arbeiten, in denen sie sich mit einer relativ neuen (Zeichen-)Sprache, den Emojis beschäftigt. Die japanische Wortschöpfung (e=Bild, moji=Schriftzeichen) und ihre Umsetzung als 12 x 12 Pixel großes Bildzeichen existiert in Japan schon seit Ende der 1990er Jahre, doch erst 2007, mit dem ersten Apple iPhone und der daraufhin explodierenden Schwemme von Smartphones auf dem Markt wurden Emojis als eigene »Sprache« in den wählbaren Tastaturen der Telefone integriert, eingefügt zwischen Dänisch und Englisch. Am Anfang war das Herz, heute gibt es rund achthundert Zeichen, geschrieben in Unicode, einem internationalen Codierungssystem, die von allen Mobiltelefonen egal welchen Fabrikats gelesen werden kann, stetig kommen neue Symbole hinzu. Es gibt Emoji-Poesie, ganze Bücher werden in Emoji nacherzählt, Sony Pictures produziert derzeit einen Kinofilm mit Emojis als Helden.

Studien belegen, dass Teenager heutzutage am meisten über Textnachrichten, dann über Telefonanrufe und erst an dritter Stelle über persönliche Gespräche von Angesicht zu Angesicht kommunizieren.[1] Emojis liefern dazu ein völlig neues Vokabular, die Möglichkeit, Mimik und Intonation ohne viele Worte in einem Zeichen auszudrücken, dem Geschriebenen einen Unterton hinzuzufügen, es abzufedern, als Ironie zu kennzeichnen oder mit »Emotionen« zu versehen. Auch wenn das ursprüngliche Set auf japanische Sprachgewohnheiten zurückgeht und einige Symbole enthält, mit denen wir erst einmal nichts anfangen können, ist Emoji eine universell verständliche Sprache, in der jeder Mensch auf der Welt, der über ein Smartphone oder einen Twitteraccount verfügt, kommunizieren kann.

Ghosting 3

Hier liegt das Interesse von Despina Stokou für dieses Zeichensystem begründet: Emoji hat das Potenzial, die erste universelle Sprache zu werden. Die linguistische Erforschung dieser Sprache fängt gerade erst an, so wie Despina Stokous künstlerische Auseinandersetzung mit ihr, zunächst als reines Auflisten und Wiederholen von bestimmten Symbolen aus den knapp achthundert verfügbaren mittels ihrer Collagetechnik.

Ihr größtes Interesse aber gilt der semantischen Qualität der Zeichen, denn keiner weiß wirklich genau, wofür sie jeweils stehen, es gibt kein offizielles Wörterbuch und keine allgemeingültige Übersetzung. Einzelne Symbole erhalten zwischen bestimmten Personen oder in Gruppen und Kulturen ganz eigene Bedeutungen. Der »Smiling Pile of Poo«, der grinsende Kothaufen, über dessen Sinn und Design etliche Artikel im Internet kursieren, gilt in Japan als Glückssymbol. Die Aubergine, die auf der Tastatur zwischen Weintrauben, Tomaten und Mais auftaucht, wird häufig als Zeichen für den Penis verwendet, aber ob sie ursprünglich gestaltet wurde, um ein vulgäres Symbol zu verharmlosen oder dies eine später kulturell eingeschriebene Bedeutung ist, bleibt offen.

Zwei neue Serien von Despina Stokou beschäftigen sich mit der Zeichensprache: Feminism (light) und Machismo (light) zeigen zwei stereotype Symbole, die tanzende Frau im roten Kleid und den phallischen stacheligen Kaktus in endloser Wiederholung, auch hier wurde jedes einzelne Bildelement ausgeschnitten und auf die Leinwand appliziert. Eine weitere Serie Recently Used bezieht Reaktionen von Menschen aus ihrem Bekanntenkreis mit ein, die sie über Aufrufe auf Instagram und Facebook um Screenshots ihrer am häufigsten benutzen Emojis (diese stellt das iPhone übersichtlich als eigenes Set dar) gebeten hat. Das Resultat: ein Bild der Person, das auf den von ihr am meisten verwendeten Emojis beruht, ein in Farbe und Papier auf Leinwand geschriebenes Porträt in einer sich ständig fortentwickelnden Sprache, eine Momentaufnahme, ein Schnappschuss. Und das ist erst der Anfang."

[1] Vgl. Adam Sternbergh, »Smile, You're Speaking EMOJI«, in: New York Magazine, Nov. 16, 2014. 

 

(Leonie Pfennig, Found in Translation, in: Ausst.kat. Despina Stokou, Ghosting; Galerie EIGEN + ART Leipzig, Leipzig, 2015.)

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