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Der Blick

Sie hört, wie ihre Schuhe auf die Pflastersteine knallen. Sie sieht, wie ihr Schatten erst größer und dann wieder kleiner wird, wenn sie an den Laternen vorbeihuscht. Sie riecht beiläufig an ihrer Haut, auf der ein dünner Schleier aus feinem Schweiß liegt. Sie spürt, wie ihr Kleid gegen die Knie schlägt. Vom Wind, aber auch von ihrem festen Gang. Sie hat ihren Gang geändert, als sie die Gruppe gesehen hat. Körper lehnten wartend an der alten Häuserwand. T-Shirts wurden unbedarft nach oben geschoben. Nur um sich zu kratzen. Natürlich. Wieso auch sonst?

Ihr Gang wurde sicherer, klarer, bestimmter. Sie hat alle Kindlichkeit aus diesem Gang genommen. Alles Spielerische. Alles Unwissende. Alles Tollpatschige. Sie kann das. Sie weiß, Kindlichkeit von der neugewonnen Weiblichkeit zu unterscheiden. Plötzlich. Mit einem Mal bricht diese Weiblichkeit aus ihr heraus. Die Gruppe hat dazu beigetragen. Die Blicke der Jungen. Und wie sie von Ellas langen, schlanken Beinen über ihr weißgeblümtes Kinderkleid jagen, hoch zu ihrem wissenden und unschuldigen Gesicht. Die Blicke sagen ihr, was sie zu tun und zu lassen hat und sie sagen ihr, dass sie schön ist und begehrenswert. Will man das eine nicht mehr, verliert man auch das andere. Den Blick gibt es nur in dieser Kombination. Wer sich vom Blick abhängig macht, wird nie wieder eigene Entscheidungen treffen können. Wer beginnt eigene Entscheidungen zu treffen, löst den Blick als solchen auf. Er kommt dann nur noch fragmentiert vor und nicht mehr in voller Kraft. Das weiß Ella noch nicht. Davon hat sie aber eine Ahnung. Wie alle Frauen vor ihr. Und alle Frauen nach ihr.

Ella streicht ihr langes, braunes Haar aus dem Gesicht und hofft, dass der Wind es gleich wieder gegen ihre Haut weht. Die Jungen lächeln sie an und ihre Mutter greift nach ihrer Hand, reißt an ihrem Arm und zieht sie in die nächste Gasse. Weg von der Gruppe. Ella sagt: „Ich würde gerne noch eine halbe Stunde alleine durch die Altstadt laufen. Ich komme auch pünktlich in der Ferienwohnung an. Versprochen, Mama!" Aber ihre Mutter schaut tief in ihr Gesicht und dann noch ein bisschen tiefer. Wissend, was auf diesen Satz folgen würde und gleichermaßen schockiert darüber, dass es jetzt plötzlich soweit ist. Dass Ellas Kindheit vorbei ist und mit einem Mal alles über sie hineinbrechen wird, vor dem ihre Mutter sie nie wieder schützen kann. Und so viel Gutes ist da irgendwie nicht, denkt ihre Mutter. Und im gleichen Moment stellt sich Ella vor, wie sie ohne ihre Mutter zurück zu dieser Gruppe geht. Zu den an der Häuserwand lehnenden Jungs. Sie will, dass sie sehen wie ihr Kleid beim Gehen gegen ihre Beine schlägt und sie will, dass sie sehen wie ihr Haar ins Gesicht weht. Sie will, dass sie ihre Haut riechen können. Sie will diesem Blick ausgesetzt sein und alles aufsaugen. Dieses gute Gefühl aufsaugen, das dieser Blick auslöst. Wie eine Dusche im Garten ihrer Großeltern ist dieser Blick. Draußen im Sommerwind. Die Blätter der Büsche kitzeln an ihrer Haut, die Sonne wärmt ihre Augen, das kalte Wasser prasselt auf sie nieder. Ihr nackter Körper ist warm und kalt gleichermaßen. Aber sie steht nicht vor dieser Gruppe unter der Sommerdusche. Sie läuft mit ihrer Mutter den kleinen Weg am Meer entlang. Ellas Hand ist mit der Hand ihrer Mutter verwachsen. Sie ist eingequetscht. Sie kann sie keinen Millimeter bewegen. Ihre Finger sind nicht mehr zu unterscheiden. Wo ist der Zeigefinger und wo der kleine Finger? Ella weiß es nicht. So fest hält ihre Mutter diese Hand. Die Hand ihrer Tochter. Vorsichtig versucht sie ihre Finger mit aller Kraft von Innen nach Außen zu dehnen und mehr Raum zu schaffen. Zwischen der Hand ihrer Mutter und ihrer Hand. Sie will sich befreien aus diesem schützenden Griff und sich losreißen und in die Welt rennen und sich in die Welt stürzen, kopflos und unbedarft. Sie will dahin. Zu dieser Gruppe. Zu den Jungs. Zu dem Blick.

Ach, wenn Ella nur wüsste, dass das Leben darin aufgehen wird, sich von diesem Blick loszureißen, weil dieser einen festzuhalten versucht, wie es jetzt gerade die Hand ihrer Mutter tut.

Erzählung von Mirna Funk zu Kristina Schuldts Arbeiten

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