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BS_03

Bosco Sodi
EIGEN + ART Lab
31. Oktober – 14. Dezember 2013
Eröffnung: Donnerstag, 31.Oktober 2013, 17 – 21 Uhr

Bosco Sodi
Terra Ignota

Als Terra Ignota bezeichnet man in der Kartografie Gebiete, die noch nicht dokumentiert und beschrieben sind. Neuland, auf das noch kein Fuß gesetzt wurde, und dessen genaue Ausmaße, Vegetation und Bevölkerung völlig unbekannt sind.

In gewisser Weise ist Bosco Sodis Arbeit eine Entdeckungsreise, zwar von langer Hand geplant, aber ohne den genauen Ausgang zu kennen – Neuland betretend. Sind die Vorbereitungen für die Reise getroffen, das Material gefunden und die Form der Leinwände festgelegt, entstehen die Bilder in einem Gefüge von externen Bedingungen quasi eigenständig. Sodi gibt den äußeren Rahmen vor, entscheidet sich für die Farbe der Pigmente – bei den jüngsten Arbeiten ein sattes, saftiges Grün, durch das sich erdige orangefarbene Risse ziehen – legt das Format des Bildträgers und die Menge des Materials fest, das er mit den Händen direkt auf der Leinwand formt, doch alles was danach passiert ist ein eigenständiger Prozess, den der Künstler nicht steuern kann. Auch wenn er stets mit denselben Materialien arbeitet – Zellstoff, Sägemehl, Leim und Pigment – ist jedes Bild und jede Skulptur einem natürlichen Prozess ausgesetzt, der sowohl von Klima und Temperatur als auch von der Beschaffenheit des Sägemehls und der Herkunft der Pigmente beeinflusst wird. Dabei entwickeln sie über mehrere Monate ein Eigenleben aus Furchen und Krusten, die in den Bildern wachsen und Farbe und Oberfläche verändern. Durch ihre Dichte und die raue Unvollkommenheit des Materials erhalten sie eine Präsenz und Schwere, die sie wie organische Körper im Raum stehen und eine starke Energie von ihnen ausgehen lässt. Ohne jegliche Figuration oder Leserichtung vorzuweisen rufen sie ganz elementare Assoziationen und archaische Eindrücke hervor, weder Titel noch Signatur sollen den Betrachter von den instinktiven Empfindungen ablenken – es bleibt allein die Wirkung der Farbe, die Haptik des organischen Materials, das Volumen im Raum und eine ephemere Schönheit, die einem universellen Verständnis von natürlicher Erhabenheit sehr nahe kommt.

Bosco Sodi 2

Obwohl Bosco Sodi sich innerhalb einer Serie und häufig auch innerhalb einer Ausstellung auf ein Pigment und eine Farbe festlegt und die Bilder in Größe und Format auf einen Blick wie eine repetitive Sequenz erscheinen, ist kein Bild wie das andere, lässt sich kein Bild ein zweites Mal kreieren oder kopieren, da Sodi die Verantwortung für das Resultat vollständig den äußeren Faktoren überlässt.

Ein Anflug von Vergänglichkeit liegt unter der rissigen Oberfläche, die allein schon eine gewisse Zeit braucht, um sich überhaupt zu formieren. Die Bilder, die Sodi selbst als „organische Tiere“ bezeichnet, haben nicht den Anspruch, eine Ewigkeit zu halten und vielleicht verändern sich ihre natürlichen Bestandteile über die Jahre, auch das bleibt dem Zufall überlassen.

Neben der Wirkung der organischen Materialität ist die Macht der natürlichen Farbe ein zentrales Moment in Sodis Arbeiten. Wassily Kandinskys Theorien zur Wirkung der Farbe haben bei der Betrachtung von Sodis Bildern 100 Jahre später eine überraschende Aktualität:

Bosco Sodi 3

„Wenn man die Augen über eine mit Farbe besetzte Palette gleiten lässt, so entstehen zwei Hauptresultate: 1. es kommt eine rein physische Wirkung zustande, d.h .das Auge selbst wird durch Schönheit und andere Eigenschaften der Farbe bezaubert. Der Schauende empfindet ein Gefühl von Befriedigung, Freude, wie ein Gastronom, wenn er einen Leckerbissen im Munde hat. Oder es wird das Auge gereizt, wie der Gaumen von einer pikanten Speise. Es wird auch wieder beruhigt oder abgekühlt, wie der Finger, wenn er Eis berührt. Dies alles sind jedenfalls physische Gefühle, welche als solche nur von kurzer Dauer sein können. (...) Zinnoberrot zieht an und reizt (...), Zitronengelb tut dem Auge nach längerer Zeit weh (...), das Auge wird unruhig und sucht Vertiefung und Ruhe in Blau oder Grün. Bei höherer Entwicklung aber entspringt dieser elementaren Wirkung eine tiefergehende, die eine Gemütserschütterung verursacht. In diesem Falle ist das zweite Hauptresultat des Beobachtens der Farbe vorhanden, d. h. die psychische Wirkung derselben. Hier kommt die psychische Kraft der Farbe zutage, welche eine seelische Vibration hervorruft. Und die erste, elementare physische Kraft wird nun zur Bahn, auf welcher die Farbe die Seele erreicht. (...) Im allgemeinen ist also die Farbe ein Mittel, einen direkten Einfluß auf die Seele auszuüben. Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Saiten.“[1]

 Wie natürliche Phänomene, für die es keine Erklärungen gibt, kann man Bosco Sodis Bilder nicht entschlüsseln, verstehen oder deuten, aber sie lösen etwas aus, das direkt an die Sinne appelliert, wie der Anblick eines besonders satten grünen Waldes, das Meer oder eine Felsformation. So wie man sich an einem Wald, der See oder Wolken am Himmel nicht satt sehen kann und der Blick gefesselt wird, so hängt er sich auch in den Bildern Bosco Sodis fest, ohne müde zu werden.

Leoni Pfennig

 



[1] Aus: Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, München 1912.

 

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