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Kai Schiemenz
STEINE
Galerie EIGEN + ART Berlin
24. November 2016 - 7. Januar 2017

STEINE! STEINE?

Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, wann Kai Schiemenz, der ausgebildete Steinmetz, zum Stein zurückfinden würde – wenigstens in seinem Ausstellungsmotto „STEINE“. Allerdings löst er dieses verbale Versprechen nicht „eins zu eins“ ein. Behauene Blöcke sucht man hier vergeblich. Blicken wir jedoch kurz zurück auf Schiemenz’ große und kleine Formkomposite aus mehrfarbigem Styropor (2015/16). Umkreisten diese nicht auch stets die Problematik der Steinbildhauerei? Jene schnellen, fast skizzenhaften Konstruktionen, Stelen und Säulen erscheinen wie spielerische Repliken auf die traditionelle Langsamkeit des Arbeitens in Stein, auf dessen würdevollen Gestus und auf endgültige Formentscheidungen. Nichts ist dort in Stein gemeißelt. Insofern untergraben die Schaumstoffgebilde nonchalant die Autorität des Steins in Kunst und Architektur.

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Aber vorwärts in die Gegenwart: In dem Maße, wie Schiemenz derlei Leichtobjekte nicht nur autonom aufführte, sondern sie auch als Gussmodelle für seine neueren Glasobjekte verwendete – als Übergangskörper sozusagen, – in genau dem Maße muss er wiederum über den Stein als Auslöser von Skulptur nachgedacht haben. Mit Bedacht schreibe ich „Auslöser“, denn wir sehen ja immer noch keine Steinbildwerke in der aktuellen Präsentation – sondern eine Vielzahl anderer Materialien: Keramik, Aluminium, Holz und natürlich Glas. Überwiegend opake Glaskörper verschiedener Färbung. In seiner stofflichen Kompaktheit steht das Glas dem Stein hier erkennbar am Nächsten. Damit nicht genug, es handelt sich um in Glas gegossene Nachbilder von bearbeiteten Steinen. Allein die Übersetzung der Form von der einen Substanz in die andere bezeugt eine gestalterisch wie technisch anspruchsvolle Leistung, dazu die Freude am Handwerklichen. Doch ebenso spannend ist die intellektuelle Dimension dieser Entscheidung. Denn üblicherweise steht das, wie auch immer ausgeformte Material Stein am Ende einer Schöpfungskette; nach Zeichnung, Ton- oder Gipsmodell. Bei Schiemenz’ derzeitigen Werken allerdings ist der Stein ebenfalls ein Übergangskörper und nicht die abschließende künstlerische Aussage.

Dieses Gedankenspiel mit der Transformation begann zweifellos während Kai Schiemenz’ langjähriger Arbeit in der Glaswerkstatt von Zdeněk Lhotský in Böhmen. Denn vollzieht die Herstellung eines künstlichen Feststoffs aus Silikat und Mineralien nicht erdgeschichtliche Prozesse im Kleinen nach? Das Aufeinandertreffen von Substanzen, deren Verwandlung durch extreme Hitze und schließlich das Erkalten führt in der Natur zu nie ganz kalkulierbaren Formen. Der handwerkliche oder industrielle Nachvollzug bei der Glasproduktion nutzt diese chemischen und physikalischen Reaktionen gesteuert aus. Trotzdem bleibt, gerade bei Farbglas, ein gewisses alchimistisches Geheimnis. Tradierte Rezepturen der Glashütte und altes Versuchswissen der Glasmacher spielen eine Rolle. Verflüssigung, das Einmischen von farbgebenden Metallen bzw. Spurenelementen, die Höhe der Temperatur und das Erhärten führen nicht zwangsläufig zu den gewünschten Resultaten – ein schöpferischer Unsicherheitsfaktor, der auch Kai Schiemenz immer wieder begeistert.

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Und auch der hier physisch abwesende Stein transzendiert seine Funktion als bloße Gussvorlage. Denn Kai Schiemenz verwendete Basaltgestein, das er in einem Steinbruch in der Lausitz fand. Wie ein klassischer Bildhauer entlockte er den Brocken geometrische Formen. Diese Kuben wachsen gleichsam organisch aus dem Basalt heraus, manchmal durchdringen sie einander. Nur zum Teil ausformuliert, opfern sie eine mögliche Perfektion der ursprünglichen Rohheit des Gesteins. Nun ist gerade Basalt eine erstaunliche Naturform, die durch ihr serielles Gleichmaß und ihre, wie gestaltet wirkenden Formationen, Künstler und Gartenarchitekten anregte. So errichtete Fürst Leopold III. von Anhalt-Dessau in seinem Wörlitzer Park nicht nur einen künstlichen Vulkan, sondern ließ zu dessen Füßen auch eine veritable Basaltstufe aus Sachsen aufstellen. Diese diente sowohl als ästhetisches Beispiel für die kunstreiche Schöpfung wie auch als naturwissenschaftliches Anschauungsobjekt. Denn mit der Aufstellung neben dem Miniatur-Vesuv enthielt diese Maßnahme ein Statement: nämlich die Parteinahme in einer, im 19. Jahrhundert köchelnden Gelehrtenfehde zwischen so genannten Neptunisten und Plutonisten. Letztere waren (zu Recht) überzeugt, dass es sich bei dem wundersamen Gestein nicht, wie ihre Widersacher behaupteten, um ozeanisches Sedimentgestein, sondern vielmehr um jäh erkaltetes Magma handelte. Bei diesem „Basaltstreit“ ging es nur teilweise um geologische Rechthaberei, vielmehr um nichts Geringeres als die Entstehung der Welt – wahlweise aus dem Meer oder aus dem Feuer. Insofern ist der Basaltstein, von seinem inspirierenden Regelmaß abgesehen, offenbar eine kulturgeschichtliche Größe. Schiemenz’ Wahl des harten Basalts wie auch der Glastechnologie funktioniert daher als symbolischer Verweis auf dessen Entstehung aus dem Flüssigen. Zudem arrangiert der Künstler die Objekte in einer Sockellandschaft. Auch dürfen wir uns, nach dem Abstieg, ein wenig wie in einer (abstrahierten) Grotte fühlen. Geschickt nutzt er für diese Situation die quasi unterirdische Anlage des Galerieraums als Schauplatz und assoziativen Wegweiser ins Erdinnere.

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Neben den genannten Protagonisten: unsichtbarer Stein und sichtbares Glas wartet die Ausstellung „STEINE“ mit weiteren überraschenden Materialsprüngen auf. So handelt es sich bei den strukturierten Aluminiumtafeln ebenfalls um gegossene „Übersetzungen“ von grob mit Strukturpaste bespachtelten Holzplatten. Kai Schiemenz bezeichnet sie als „technisch hergestellte Bilder, bei denen der künstlerische Akt zunächst sehr reduziert“ erscheint. Der anschließende Guss freilich in ein schimmerndes Material hebt diesen Eindruck wieder auf, zumal sich auf der Oberfläche noch weitere Sensationen ereignen. Schiemenz legt farbige Geometrien darüber, deren matter Glanz seltsam vertraut wirkt. Ganz richtig, wir kennen diesen Schmelz aus dem Alltag, von banalen Gegenständen mit Möchtegern-Glamour: Eisbecher, Siphons, Taschenlampen, Kugelschreiber… Eloxal (elektrolytische Oxydation von Aluminium) heißt die magische Formel, mit der Schiemenz seine Lesart der Pop Art inszeniert. Die Veredlung des Profanen verfolgt er nicht entlang der bekannten ikonografischen Erhöhung von Konsumgütern, sondern im Einsatz dieser eher kunstfernen Technologie. Damit bleibt er sich selbst als scharfsinnigem Grenzgänger treu: Denn auch mit seiner Aneignung von Glas und Keramik fordert er die kunsthandwerkliche oder trivialisierende Besetzung solcher Produkte erfolgreich heraus. Kein Wunder: Kai Schiemenz’ Leidenschaft gilt zunächst den Materialprozessen, den noch nicht erprobten Verwandlungen – also dem jeweiligen Verfahren selbst und erst dann dem möglichen Resultat. Ein wahrer Alchimist verschafft sich Zugang durch die Hintertür.

Text von Susanne Altmann

zur aktuellen Ausstellung

 

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