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Mirjam Völker
Nachtgleiche
Galerie EIGEN + ART Leipzig
5. November 2016 - 17. Dezember 2016

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Tagundnachtgleiche werden jene beiden Tage im Jahr genannt, an denen Tag und Nacht exakt gleich lang sind. Im März und im September, den Monaten des Übergangs von Winter zu Frühling, von Sommer zu Herbst, von der hellen in die dunkle Jahreszeit und umgekehrt. Als bedeutende Wendepunkte seit der Antike in verschiedenen Kulturen zelebriert, wappnet man sich für die kalte Jahreszeit und feiert das Wiedererwachen der Natur und des Lichts. Bricht man den Jahreszyklus auf einen Tag herunter, entspricht die Tagundnachtgleiche der Dämmerung: weder Tag noch Nacht, ein Moment, in dem alles in der Schwebe ist. Genau diesen Zustand fängt Mirjam Völker in ihren Arbeiten ein. Sie variiert ihn wieder und wieder in einem Thema: menschliche Behausungen in verlassenen Naturen. Hütten, Baracken, Refugien, die ihren originären Zweck, Menschen oder anderen Lebewesen Schutz und Obdach zu bieten, nicht mehr erfüllen.

Das Baumhaus, das in der Ausstellung nicht zu übersehen aus dem Boden wächst, scheint jeden Moment in den Raum zu kippen. Zu wackelig sind die Äste, die es tragen, als dass es einen sicheren Unterschlupf bieten würde. Das Holz vom Wetter gezeichnet, ein Einstieg, der sich ohne Hilfsmittel nicht erreichen lässt. Das Baumskelett, in dem es eingenistet ist, wirft Schatten an die Wand, die nicht zur Lichtsituation im Raum passen möchte – eine irritierende Gleichzeitigkeit von Tag und Nacht.

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Das Spiel mit fragilen Kompositionen, die Verschränkung von Vegetation und vom Mensch gemachtem Raum ist ein wiederkehrendes Element auch in der Malerei der Künstlerin. Monumentalität und Intimität stehen sich gegenüber, nicht nur im Format, wie in der großen Arbeit Gehege. Von jedem Kontext befreit wachsen die Wurzeln aus dem Boden, doch wie weit sie über den Bildraum hinaus in die Höhe ragen bleibt ungeklärt. Sind es tatsächlich Bäume oder nur leblose Reste von Gehölz? Ist das Haus ein Relikt menschlicher Zivilisation oder ein miniaturhaftes Modell in einem kleinen Busch, mittels malerischer Illusion ins Überdimensionale aufgeblasen? Wir wissen es nicht, denn jedes verlässliche Maß, jeder Anhaltspunkt fehlt. Das diffuse Licht verrät nicht, ob die Hintergründe tatsächlich Himmel oder nur Hohlkehlen in einem Studio sind, in dem die Baumhäuser wie Kulissen ausgeleuchtet werden. Die Abwesenheit von Schatten verstärkt diesen ambivalenten Eindruck noch dazu.

Mirjam Völker beherrscht das Repertoire der malerischen Mittel perfekt. Jedes Bild folgt einer genau geplanten Komposition, ist unterteilt durch diagonale Linien, die aus den Bildern heraus streben und sie förmlich in Bewegung setzen. Mit minutiösem Pinselstrich kreiert sie so naturalistische Oberflächen, dass die abblätternde Farbe der alten Dachlatten fast greifbar von der Leinwand zu splittern scheint und das erdige Geröll am Boden bald aus dem Bild rieselt. Durch Störungen der Perspektive bekommen die Hütten eine eigene Dynamik, ein Eigenleben, das das ganze Bild ins Strudeln und Taumeln bringt, wie in der Arbeit Drift. Immer wieder spielt sie mit Transparenzen – Wandstücke verschwimmen mit Baumteilen, Hütten schieben sich wie in einem Vexierbild von vorne nach hinten und das blaue Sperrholzbrett, die eben noch tragende Wand war, wird zur reinen Farbfläche. Starke Komplementärkontraste, wie orange-blau oder rot-grün fangen den Blick und treten mit ihrer Leuchtkraft in einen weiteren Kontrast mit der düsteren und bedrohlichen Stimmung, die jedes Bild umgibt.

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Die Bildtitel fungieren wie Charakterisierungen der einzelnen Hütten. Der Eremit lässt eher an den Bewohner, von dem jedoch jede Spur fehlt, denken, als an dessen Behausung. Die Wache kann gleichermaßen ihre Basis wie auch die bewachende Person selbst bezeichnen, die jemanden beschützt oder der Nacht trotzt und wach bleibt. Das Wort kippt in seiner Bedeutung, je nachdem wie man es liest, so wie das Bild, dem es den Titel gibt.

Nachtgleiche, der schmale Grat, der Übergang, der Wendepunkt.

Mirjam Völker verschiebt Vorder- und Hintergrund, lässt Bäume von vorne durch die Behausungen ins Leere wachsen, wechselt zwischen Flächigkeit und Dreidimensionalität, wie auch in ihrem gebauten Baumhaus im Ausstellungsraum, das alle Gedanken ihrer Malerei in einem Objekt vereint.

Text "Nachtgleiche" von Leonie Pfennig

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